Ursprung - Krise - Zukunft

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Vorwort

Wir befinden uns – im Anfang des 21. Jahrhunderts -– in einer schwierigen Zeit. Dem kann man entgegenhalten: welche Zeit war denn je nicht schwierig? Das ist wohl rich- tig. Also müssen wir fragen: was empfinden wir denn in unserer Zeit als so besonders schwierig, bzw. anders schwierig als in anderen Zeiten? Darauf lässt sich noch relativ leicht antworten, dass eben jede Zeit ihre eigenen Herausforderungen hat, die sich mit aus früheren Zeiten gewonnen Erfahrungen nicht bewältigen lassen. Also fragen wir:

  • Was sind die Herausforderungen, vor denen wir heute so besonders ratlos stehen?

  • Wo haben wir das Gefühl, dass uns positive Errungenschaften in der Vergangenheit

heute nicht weiterhelfen?

Eine Herausforderung, die den Generationen vor uns noch nicht bekannt war, ist ohne Zweifel die Globalisierung der Wirtschaft. Sie geht einher mit der vor allem in letzter Zeit rasant gewachsenen Globalisierung der Kommunikation. Inzwischen kann jedes weltweit wichtige Ereignis praktisch in Real-Zeit von den Medien aufgegriffen und verbreitet werden.

Eine weitere Herausforderung ist vor allem in den wirtschaftlich entwickelten Ländern die dreifache wirtschaftlich-soziale Spaltung der nationalen Gesellschaften in Superrei- che, eine Mittelschicht mit einem bisher nicht gekannten materiellen Wohlstand, und in eine immer breiter werdende Schicht mit einer substanziell unzureichenden materiellen Existenzsicherung. Diese Entwicklung führt nicht nur zu einer generellen sozialen Ent- fremdung in der gesamten Gesellschaft. Sie belastet auch die aktuellen sozialen Haushalte und die mittel- bis langfristige Alterssicherung eines großen Teils der Gesellschaft.

Und schließlich ist der immer noch schneller werdende Fortschritt auf allen Gebieten der Technik, aber insbesondere im IT-Bereich, uns allen schlicht unheimlich. Das führt zu einer allgemeinen Verunsicherung auf allen Gebieten des täglichen Lebens. Insbesondere im Bereich der Erziehung und Pädagogik, einschließlich dem immer wichtiger, aber auch immer unübersichtlich werdenden Bereich der beruflichen Weiterbildung.

Die Betrachtung aller dieser Herausforderungen erfasst jedoch letztlich nur die aktuelle Bewältigung unseres täglichen Lebens und unserer Lebensvorsorge. Sie erreicht nicht den Teil unseres Bewusstseins, der nach dem eigentlichen Sinn des Lebens fragt. Insbeson- dere nach dem Sinn und der Bestimmung unseres individuell-persönlichen Lebens, und unserer Verantwortung vor unseren Vorfahren und für unsere Nachkommen.

Die in den folgenden Kapiteln dargelegten Überlegungen befassen sich primär mit die- sen tiefer greifenden Fragen, bei denen es um unsere existentielle Sinnorientierung und unseren inneren Halt in diesem unseren höchst persönlichen Leben geht. Dabei spielt ein grundsätzliches Verständnis sowohl der Welt um uns, als auch das Umsetzen die- ses Verständnisses in unserem Fühlen und Empfinden in uns, die alles entscheidende Rolle.

Das heißt nicht, dass wir die genannten Herausforderungen an die politischen, wirtschaft- lichen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht ernst nehmen. Aber die meisten von uns können diese Bedingungen und die sich daraus ergebenden Ereignisse so gut wie nicht beeinflussen. Und selbst diejenigen, die sich durch ihren Beruf unmittelbar in ho- her politischer und wirtschaftlicher Verantwortung befinden, erweisen sich de facto als viel abhängiger und letztlich ohnmächtiger, als ihnen und uns bewusst ist.

Und jetzt noch ein Wort in eigener Sache. Die Kapitel in diesem Buch gehen zum Teil auf Vorträge zurück, die vom Autor aus verschiedenen Anlässen vor kulturkritischem Publikum gehalten wurden. Sie wurden überarbeitet, um sie von vortragstypischen For- mulierungen zu befreien und an das Gesamtkonzept anzupassen. Dennoch können ge- legentlich Formulierungen übriggeblieben sein, die an die ursprüngliche Vortragsversion erinnern mögen. Der geneigte Leser wird dazu um Verständnis gebeten.

H. G. Weidinger, "Zukunft - Krise - Ursprung", Seite 9